KURZbeschreibung
Kleine Sprachwissenschaftler*innen
Wenn man Deutsch als Fremdsprache lernt, ist es nicht allzu schwer, neue Wörter, speziell Hauptwörter, in verschiedenen Satzkonstellationen wiederzuerkennen.

Nehmen wir folgende Beispielsätze:

Er macht Kaffee in der Küche.
Meine Küche ist sehr klein.
Ich habe denselben Tisch in meiner Küche.

In diesen Sätzen kann selbst ein Anfänger leicht erkennen, dass ein bestimmtes Wort in jedem dieser Sätze zu finden ist,weil es immer in der gleichen Form vorkommt.

Das ist im Ungarischen, einer agglutinierenden Sprache, nicht der Fall: Ein Verb oder ein Nomen, wie zum Beispiel konyha (Küche), kann unzählig verschiedene Formen annehmen, weil es mit einer großen Anzahl von Suffixen kombiniert werden kann. Hier einige Beispiele:

In der Küche - a konyhában
Meine Küche - a konyhám
In meiner Küche - a konyhámban

Diese Wörter klingen alle unterschiedlich, noch dazu verändern die Suffixe den Wortstamm. Für jemanden, der gerade beginnt Ungarisch zu lernen, ist es sicherlich schwierig, diese Versionen 1) zu erkennen und 2) zu wissen, zu welchem Wort sie dazugehören. Wie machen das ungarische Kleinkinder?

Ágnes Kovács (CEU), Enikő Ladányi (Vanderbilt University) und Judit Gervain (CNRS) sind dieser Frage gemeinsam nachgegangen. In ihrer Studie spielten sie 15 Monate alten ungarischen Babys einfache Sätze vor, die ein neues (Pseudo)wort (púr) enthielten und auf ein bekanntes Suffix endeten (púrban – was auf Deutsch „in púr“ bedeuten würde). Die Wissenschaftlerinnen wollten herausfinden, ob diese Einführung des Pseudowortsden Kleinkindern anschlieẞend helfen würde, den Wortstamm zu erkennen, auch wenn sie diesen noch nie zuvor separat gehört hatten. Um dies zu testen, saßen die Babys während des Experiments gleich weit von zwei Lautsprechern entfernt. Über einen Lautsprecher war das Wort púr (diesmal ohne Suffix) zu hören, während über den anderen ein neues, unbekanntes Pseudowort - gál - zu hören war. Die Worte wurden in kurzen, nichtüberlappenden Intervallen abgespielt. Die Forscherinnen maßen, wie lange die 15 Monate alten Babys jeweils auf die zwei Lautsprecher blickten. Ihre Aufzeichnungen ergaben, dass die Babys ihre Aufmerksamkeit länger auf den Lautsprecher richteten, der das neue Wort - gál - abspielte. Das deutet darauf hin, dass die Babys das Wort púr bereits kannten und daher das andere Wort interessanter fanden. Anders ausgedrückt: Die Forscherinnen konnten einen sogenannten Neuheitseffekt (novelty effect) feststellen.

Bedeutet das nun, dass Babys imstande waren, den Wortstamm púr aus der Form púrban herauszufiltern? Behielten sie den Wortstamm als eigenständiges Wort in Erinnerung oder war er einfach als Silbe vertraut, die sie zuvor gehört hatten? Um zutage zu bringen, wie Babys diese komplexe Wortform verarbeiten, überprüften die Wissenschaftlerinnen auch, was passiert, wenn Kleinkinder denWortstamm in Kombination mit einem anderen Pseudowort - dag - hörten. In dieser Kombination - púrdag -gab es also kein bedeutungstragendes Element, das die Babys zuvor gehört hatten, daher konnten sie nicht wissen, ob púr ein eigenständiges Wort ist, das nur in Kombination mit -dag existiert. In dieser Studie wurden den Babys zu Beginn des Experiments einfache Sätze präsentiert, die das Wort púrdag enthielten, mit dem Ergebnis, dass diese am Ende der Testsitzung den Pseudowörtern púr und gál gleich viel Aufmerksamkeit schenkten. Das bedeutet, dass der Neuheitseffekt, der im vorherigen Experiment festgestellt werden konnte, nicht nur auf die Vertrautheit mit der Silbe zurückzuführen ist, sondern durch das Verständnis der Babys von púr als eigenständigem Wort bestimmt wird.

Es scheint also, dass Babys, deren Muttersprache reich an Suffixen ist, die Fähigkeit entwickeln, komplexe Wortformen zu analysieren und den Wortstamm zu identifizieren, obwohl sie ihn zuvor nie allein gehört haben. Zudem findet dieser aufwändige Prozess bereits in einem Altersstadium statt, in dem Babys gerade erst lernen, ihre ersten Worte zu sprechen. Erneut zeigt diese Studie auf, dass sich in ihren kleinen Köpfen viel mehr abspielt als wir gemeinhin annehmen.

Artikel: Ladányi, E, Kovács, ÁM, Gervain, J. How15-month-old infants process morphologically complex forms in an agglutinative language? Infancy. 2020; 25:190– 204. https://doi.org/10.1111/infa.12324

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