KURZbeschreibung
Neugeborene erkennen Interaktionen im Schlaf – eine NIRS-Studie
Die Frage, wie es uns Menschen als einzige Spezies im gesamten Tierreich möglich ist, uns sprachlich zu verständigen, ist nach wie vor ein spannendes und umstrittenes Themengebiet in der Wissenschaft. Was unterscheidet uns also von Tieren - selbst den kommunikativen Arten unter ihnen?

Die meisten Theorien erklären diese einzigartige Fähigkeit mit Unterschieden zwischen dem menschlichen und dem tierischen Gehirn. Es wird beispielsweise angenommen, dass Menschen eine angeborene Sensibilität für das komplexe grammatikalische Regelsystem von Sprache als auch für die abstrakte, symbolische Natur der linguistischen Zeichen und Bedeutungen besitzen. Die neuen Studienergebnisse von Bálint Forgács, Tibor Tauzin, György Gergely und Judit Gervain scheinen jedoch darauf hinzuweisen, dass es noch einen entscheidenden Faktor im Erlernen von Sprache gibt: unsere angeborene Fähigkeit die Hauptfunktion von Kommunikation zu erkennen, nämlich die Informationsübertragung zwischen Gesprächspartnern in einer sozialenSituation.

Sicherlich waren auch sie bereits in der Situation, ein Gespräch zwischen zwei Menschen in einer ihnen fremden Sprache zu beobachten. Selbst wenn sie nicht viel von dem Inhalt verstanden haben, war ihnen doch ganz klar, dass eine Konversation stattfand. Die Schlüsselsignale, die uns helfen, eine kommunikative Interaktion zu erkennen, sind das sogenannte Turn-Taking (welches den Sprechwechsel bezeichnet) und der Gebrauch einer Vielzahl von unterschiedlichen Äußerungen. Ohne Gesprächspartner ist Sprache lediglich Sprache, aber noch lange keine Konversation, und wenn die am Gespräch beteiligten Menschen lediglich wiederholen, was der andere sagt –sprich, wenn die sprachlichen Äußerungen nicht variieren, können wir wohl kaum von Informationsübertragung sprechen.

Die Wissenschaftler*innen testeten also, ob das Gehirn von Neugeborenen Sprachsequenzen, die Turn-Taking und viele unterschiedliche Äußerungen beinhalteten, anders verarbeiten als Sequenzen, in denen nur eine Person sprach bzw. zwei Personen, die immer wieder dasselbe wiederholten. Während die Babys schliefen, wurden ihnen die Audiobeispiele vorgespielt und ihre Gehirnaktivität mit einer speziellen NIRS-Kappe gemessen: diese Kappe sendet schwaches, ungefährliches Infrarotlicht aus und misst die Menge der zurückgeworfenen Strahlen.

Die Ergebnisse haben gezeigt, dass das Broca-Areal, welches für dieVerarbeitung von Sprache im Erwachsenengehirn zuständig ist, aktiver war, wenn ein Gespräch zwischen zwei Menschen stattfand, als wenn nur eine Person sprach bzw. zwei Personen, die sich nur wiederholten. Anders ausgedrückt, verarbeiten Babys Sprache anders, wenn potenziell eine Informationsübertragung stattfindet. Die Aktivität der für die Sprachverarbeitung zuständigen Gehirnareale deutet auf die Fähigkeit hin, zwischen kommunikativem und nicht-kommunikativem Sprachgebrauch unterscheiden zu können. Diese Fähigkeit scheint Babys in ihrem Spracherwerbsprozess zu unterstützen. Mit dieser Erkenntnis ist diese Studie die erste, die diesen möglichen Zusammenhang entdeckt hat. Außerdem zeigt sie auch erstmalig auf, dass Neugeborene nicht nur Menschen beobachten, die mit ihnen interagieren, sondern auch Menschen, die miteinander interagieren, selbst wenn das Neugeborene nicht an der Interaktion beteiligt ist. Babys sind also in ihrer sozialen Wahrnehmung sehr viel fortgeschrittener als bisher angenommen. Lesen Sie die Publikation hier: https://doi.org/10.1038/s41598-022-05122-0

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