KURZbeschreibung
Neue Studie zeigt, dass Babys ein intuitives Gespür für psychologische Kohärenz haben
Forschende der Central European University und des CNRS haben gezeigt, dass Babys davon ausgehen, dass Menschen auf kohärente Weise handeln und kommunizieren. Bereits im Alter von neun Monaten erwarten Säuglinge, dass eine einzelne Person nicht gegen ihre eigenen Ziele handelt – und mit 15 Monaten erwarten sie, dass eine kommunizierende Person sich nicht selbst widerspricht. Die Ergebnisse, veröffentlicht in Open Mind: Discoveries in Cognitive Science, geben Aufschluss über einen fundamentalen Aspekt der menschlichen sozialen Kognition.

Stellen Sie sich vor, Sie fragen nach dem Fußballspiel von gestern Abend. Ein Freund sagt: „Es war ein Unentschieden.“ Ein anderer schüttelt den Kopf: „Nein, es stand 2:1 für die Heimmannschaft!“ Es würde Ihnen schwerfallen zu entscheiden, wem Sie glauben sollen. Wenn jedoch beide Aussagen von derselben Person stammen würden, würden Sie wahrscheinlich das zweite Ergebnis akzeptieren. Sie würden davon ausgehen, dass sich Ihr Freund einfach geirrt, dann aber sofort korrigiert hat. Diese Interpretation basiert auf dem Prinzip der psychologischen Kohärenz: der Annahme, dass widersprüchliche mentale Zustände in einem einzigen Geist kaum nebeneinander bestehen können. Mit anderen Worten: Ihr Freund widerspricht sich wahrscheinlich nicht selbst (während er durchaus mit anderen Menschen uneinig sein oder sich im Laufe der Zeit anders an dieselben Dinge erinnern mag). Das intuitive Gefühl für psychologische Kohärenz prägt, wie wir die Handlungen und Äußerungen anderer interpretieren.

Ágnes Kovács (Central European University) und Olivier Mascaro (CNRS) untersuchten, ob auch Kleinkinder das Prinzip der psychologischen Kohärenz anwenden. 15 Monate alte Kinder beobachteten, wie Personen auf den Verbleib eines versteckten Spielzeugs zeigten. Wenn zwei verschiedene Personen jeweils auf eine andere Stelle zeigten, waren die Kleinkinder unsicher, wo sie nach dem Spielzeug suchen sollten: Sie suchten mit gleicher Wahrscheinlichkeit an beiden Orten. Wenn jedoch dieselbe Person zuerst auf einen Ort und dann auf einen anderen zeigte, folgten die Kleinkinder zuverlässig der zweiten Geste – sie interpretierten diese als Korrektur und nicht als Widerspruch. Dieses Muster deutet darauf hin, dass die Kleinkinder davon ausgingen, dass eine Person keine widersprüchliche Botschaft kommunizieren würde – in diesem Fall, dass ein Spielzeug gleichzeitig an zwei Orten sei.  

Die Forschenden wollten außerdem herausfinden, ob Kleinkinder auch bei Handlungen psychologische Kohärenz erwarten. In einer Reihe von Blickzeit-Studien beobachteten neun Monate alte Kinder zwei behandschuhte Hände, die auf einem Tisch miteinander interagierten. Die erste Hand griff nach einigen Gegenständen und ordnete sie in einer geraden Linie an. Als sie nach dem letzten Gegenstand griff, blockierte die zweite Hand sie. Dann wurde gezeigt, dass die Hände entweder zwei verschiedenen oder ein und derselben Person gehörten. Die Säuglinge waren überrascht, wenn die beiden Hände einer einzigen Person gehörten und scheinbar widersprüchliche Ziele verfolgten. Die Forschenden interpretierten dies als Beweis dafür, dass Säuglinge es für unwahrscheinlich halten, dass ein Akteur sein eigenes Ziel sabotiert.

Diese Ergebnisse deuten darauf hin, dass die Mechanismen der „Theory of Mind“ – also die Fähigkeit, anderen mentale Zustände zuzuschreiben – auf Annahmen darüber beruhen, wie verschiedene mentale Zustände innerhalb eines Geistes organisiert sind. Sie stützen sich auf intuitive Annahmen hinsichtlich psychologischer Kohärenz, die nicht langsam im Laufe der Kindheit erlernt werden, sondern möglicherweise eine zentrale, früh entstehende Komponente der menschlichen sozialen Kognition widerspiegeln.

Artikel: Mascaro, O., Kovács, Á. M. (2026) Core Intuitions of Psychological Non-Contradiction: Infants Assume That Individual Agents Act and Communicate Coherently. Open Mind (2026) 10: 287–305.

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